Ein türkischer Heiliger?

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Bildmontage, Quelle: UOJ Bildmontage, Quelle: UOJ

Wie ein muslimischer Kalligraph seinen wahren Herrn erkannte

Wer an orthodoxe Märtyrer unter osmanischer Herrschaft denkt, denkt an Griechen, Serben, Bulgaren, Rumänen, Georgier, Araber – an Völker, die jahrhundertelang unter dem Joch eines Reiches lebten, das ihre Kirchen in Moscheen verwandelte, ihre Bischöfe demütigte und ihren Glauben allenfalls duldete. Die Neomärtyrer der Kirche tragen in der Regel die Namen dieser Völker. Ihre Geschichten handeln von Christen, die ihren angestammten Glauben verteidigten und dafür starben.

Die Geschichte des heiligen Ahmed handelt von etwas anderem. Er war kein unterdrückter Christ. Er war Türke, Muslim, geboren in Konstantinopel, der Hauptstadt des Reiches, das die Orthodoxie unterdrückte. Und er wurde ein Heiliger der orthodoxen Kirche.

Geduldet, nicht gleichberechtigt

Enthauptung des hl. Lazar durch Osmanen(rechts) und ein Engel der ihm bei seinem Martyrium beisteht (links), Krypta des Doms des heiligen Sava. Quelle: UOJ

Das Osmanische Reich war für orthodoxe Christen kein Ort der Verfolgung im römischen Sinne – es war ein Ort der systematischen Herabsetzung. Christen lebten als Dhimmis, als Schutzbefohlene zweiter Klasse. Sie zahlten Sondersteuern, durften keine Waffen tragen, der Bau neuer Kirchen war stark eingeschränkt, und sie mussten schlichte Kleidung tragen, während Muslime prachtvolle Gewänder anlegten. Der Ökumenische Patriarch residierte zwar noch in Konstantinopel, doch unter der Aufsicht des Sultans. In diesem Klima entstand eine ganze Tradition der Neomärtyrer – Christen, die für ihren Glauben starben, oft weil sie zum Islam konvertieren sollten und sich weigerten. Ahmed aber kam von der anderen Seite.

Der Kalligraph

In der islamischen Welt war die Kalligraphie keine bloße Fertigkeit – sie galt als die höchste der Künste. Wo die bildliche Darstellung eingeschränkt war, wurde das geschriebene Wort zum vornehmsten Ausdruck von Frömmigkeit. Wer Kalligraph war, stand in unmittelbarer Nähe zum heiligen Text des Koran und zum Machtapparat des Staates.

Ahmed war ein solcher Mann. Er diente als Kopist in den Großen Archiven des Reiches – eine angesehene Position in der osmanischen Verwaltung, die Vertrauen und Können voraussetzte. Er war wohlhabend, unverheiratet und verkehrte in der Gesellschaft vornehmer Muslime. Nach osmanischem Recht lebte er mit einer jungen russischen Sklavin zusammen, die zugleich seine Konkubine war. Bei ihr wohnte eine ältere Russin, ebenfalls eine Gefangene. Beide Frauen waren fromme Christinnen, und Ahmed ließ sie gewähren: An Festtagen durfte die Ältere die Kirche besuchen. Es war ein Zugeständnis, das alles verändern sollte.

Der Duft, der zum Licht führte

Ein Kronleuchter mit dem Kreuz im Zentrum. Symbol für das Licht Gottes. Quelle: UOJ

Von ihren Kirchgängen brachte die ältere Frau der jüngeren das Antidoron mit, das gesegnete Brot der Göttlichen Liturgie und Weihwasser. Wann immer die junge Frau davon aß und Ahmed in ihre Nähe kam, nahm er einen Duft wahr: schön, unbeschreiblich, ohne erkennbare Ursache. Er fragte sie wiederholt, was sie esse. Erst nach langem Drängen gestand sie ihm, dass es das von Priestern gesegnete Brot war.

Es hätte eine Anekdote bleiben können. Doch Ahmed wollte sehen, woher dieses Brot kam. Er ließ einen Priester kommen und bat ihn, einen verborgenen Platz in der Kirche vorzubereiten – dort, wo der Ökumenische Patriarch selbst die Liturgie feierte. Am verabredeten Tag erschien Ahmed in der Kleidung eines Christen, in jenen schlichten Gewändern, die das Reich seinen Untertanen zweiter Klasse vorschrieb. Ein Kopist der Großen Archive, verkleidet als einer der Geduldeten.

Was er in der Liturgie sah, veränderte sein Leben. Der Patriarch trat durch die Heiligen Türen, um das Volk zu segnen und Ahmed sah ihn in Licht gehüllt, über dem Boden schwebend. Von seinen Fingerspitzen gingen Strahlen aus, die auf die Häupter aller Gläubigen fielen. Auf alle, außer auf das seine. Zwei- oder dreimal wiederholte sich das Bild.

Ahmed zögerte nicht. Er empfing die heilige Taufe und lebte fortan als Kryptochrist. Sein christlicher Name blieb verborgen; manche Quellen überliefern ihn als Christodoulos, die ältere Synaxarion-Tradition sagt, er sei nicht bekannt. Kryptochristen waren im Osmanischen Reich keine Seltenheit, denn das islamische Recht kannte für Apostasie nur eine Strafe: den Tod.

Das Größte von allem

Osmanische Miniaturmalerei am Topkapı Palast. Rat aus einem Schriftsteller, einem Kupferstecher, einem Schreiber und einem Gelehrten im Osmanischen Reich. Ein ähnliches Szenario wie beim hl. Ahmed dem Kaligraphen. Quelle: History of Istanbul

Der Bruch kam an einem Abend, wie ihn die osmanische Oberschicht kannte. Ahmed speiste mit vornehmen Muslimen, danach saß man bei der Shisha (Wasserpfeife)  zusammen. Irgendwann drehte sich das Gespräch um die Frage, was das Größte auf der Welt sei. Jeder Gast gab seine Antwort: Der erste sagte die Weisheit, der zweite die Frau, ein dritter meinte, das Größte sei Reis mit Joghurt, denn das sei die Speise der Gerechten im Paradies.

Dann war Ahmed an der Reihe. Und Ahmed, von heiligem Eifer erfüllt, rief, das Größte von allem sei der Glaube der Christen. Er bekannte sich als Christ und verwarf den Islam als Falschheit und Täuschung.

Man schleppte ihn vor den Richter. Ahmed wurde eingekerkert und gefoltert, doch er blieb standhaft. Vor dem Sultan selbst bot man ihm die Rückkehr zum Islam an. Auf die Androhung der Enthauptung antwortete Ahmed, ein solcher Tod wäre die höchste Freude.

Am 3. Mai 1682 wurde er an einem Ort namens Kayambane Bahçe enthauptet. Seinen Leichnam warf man ans Ufer des Bosporus. Der Überlieferung nach leuchtete an dieser Stelle mehrere Tage lang ein übernatürliches Licht – dasselbe Licht, das in der Liturgie nicht auf sein Haupt gefallen war, schien nun dort, wo sein Leib lag.

Ein Fremder, der seinen Herrn fand

Eine Ikone des hl. Ahmed des Kaligraphen. Quelle: Gvsustudent/Wikipedia

„Die Fremden, die sich dem Herrn zugewandt haben, ihm zu dienen und seinen Namen zu lieben – die will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethaus." (Jes 56,6–7)

Die orthodoxe Kirche verehrt Ahmed als Neomärtyrer. Sein Gedenktag wird am 3. Mai (julianisch) bzw. 16. Mai (gregorianisch) gefeiert; im Synaxarion des heiligen Nikodemus vom Heiligen Berg zusätzlich am 24. Dezember (julianisch) bzw. 6. Januar (gregorianisch).

Ahmeds Geschichte fordert ein Denken heraus, das Märtyrer und Täter nach Herkunft sortiert. Sein Martyrium erzählt eine Geschichte, die viele orthodoxe Christen vergessen, auch unter vermeintlichen Feinden gibt es Menschen, die Jesus Christus suchen. Er war kein griechischer oder serbischer Christ, der seinen angestammten Glauben verteidigte. Er war ein Türke, der den Glauben erst fand und ihn dann nicht mehr verleugnen konnte. Nicht durch Predigt kam er zum Glauben, nicht durch Mission, sondern durch den Duft eines gesegneten Brotes, durch die stille Frömmigkeit zweier namenloser Sklavinnen und durch eine Liturgie, die tat, was Liturgie tut. Selbst im Herzen eines Reiches, das die Orthodoxie kleinhalten wollte, fand das Licht Gottes seinen Weg und erreichte das Herz dieses Menschen, der den ultimativen Preis zahlte.

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