Das klösterliche Pfandhaus ohne Profit
Im 15. Jahrhundert verlangte ein Wucherer von einem italienischen Handwerker nach einem Jahr die Hälfte seines Besitzes als Rückzahlung. Franziskanermönche halfen ihm – gewinnfrei.
Stellen wir uns einen Winterabend in einer italienischen Kleinstadt Mitte des 15. Jahrhunderts vor. Ein Handwerker bringt sein letztes warmes Obergewand zu einem Geldverleiher – das einzige Kleidungsstück, das seine Familie vor der Kälte schützen kann. Im Gegenzug erhält er eine Handvoll Münzen, die bis zum Frühjahr für Brot reichen. Für dieses Brot wird er jedoch später dreißig oder sogar fünfzig Prozent Jahreszinsen zahlen müssen.
Zum Vergleich: Heute würde ein solcher Zinssatz sofort als Wucher bezeichnet werden. Im 15. Jahrhundert war er die Norm. Eine Missernte, eine Krankheit oder irgendeine andere unvorhergesehene Notlage genügte – und ein Mensch verlor seine Arbeitsgeräte, seine Kleidung und sein Haus. Danach drohten ihm das Schuldgefängnis oder die völlige Abhängigkeit von demjenigen, dem er laut den entsprechenden Urkunden nun angehörte.
Ein Jurist, der das System von innen kannte
Im Jahr 1462 wurde in Perugia eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Einrichtung eröffnet. Sie nahm gewöhnliche Gegenstände als Pfand entgegen – Geschirr, Arbeitsgeräte oder alte Kleidung – und zahlte dafür Geld aus. Dafür verlangte sie jedoch weder dreißig noch fünfzig Prozent, sondern lediglich etwa fünf Prozent. Gerade so viel wie für die Miete der Räumlichkeiten sowie die Bezahlung eines Schreibers und eines Pförtners benötigt wurde.
Hinter dieser Idee standen zwei Vertreter des Franziskanerordens: Barnaba da Terni und Fortunato Coppoli. Coppoli war dabei kein gewöhnlicher Mönch. Vor seinem Eintritt in den Orden war er ein angesehener Rechtsgelehrter. Er kannte die rechtlichen Mechanismen des Wuchers so gut, dass er eine reibungslos funktionierende Alternative zu diesem System entwickeln konnte.
Die neue Einrichtung erhielt den Namen Monte di Pietà – „Berg der Barmherzigkeit“. Das Wort „Berg“ bezeichnete hier keineswegs eine Geländeform: Im mittelalterlichen Italien nannte man so eine öffentliche Kasse beziehungsweise das gemeinsam zusammengetragene Kapital. Im Grunde handelte es sich um eine städtische Hilfskasse.
Die Regeln für die Kreditvergabe waren einfach und zugleich streng. Der Kreditnehmer brachte einen Gegenstand mit und erhielt dafür einen begrenzten Geldbetrag. Beglich er seine Schuld, bekam er den Gegenstand zurück. Konnte er den Kredit nicht zurückzahlen, wurde das Pfand versteigert. Die Differenz zwischen der Schuld und dem Versteigerungserlös wurde jedoch dem Kreditnehmer ausgezahlt. Die Gläubiger behielten keinen einzigen Heller für sich. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts waren in ganz Italien bereits etwa zweihundert solcher Kassen entstanden.
Der voreingenommene Vorwurf der Sündhaftigkeit
Man könnte meinen, damit sei eine universelle Lösung gefunden worden: den Armen helfen, ohne sich dabei zu bereichern, und nach dem Evangelium leben. Doch genau in diesem Augenblick begann ein theologischer Streit, der ein halbes Jahrhundert andauern sollte.
Die dominikanischen Theologen betrachteten die Gebühr von fünf Prozent und erkannten darin genau das, wogegen die Kirche jahrhundertelang gekämpft hatte: Zinsen auf geliehenes Geld. Das Alte Testament verbietet den Wucher ausdrücklich. Das Evangelium fordert dazu auf, Geld zu verleihen, ohne auf Gegenleistung zu hoffen. Für die strengen Dominikaner blieb jeder Zins ein Zins, selbst wenn er nur symbolisch war – und damit eine Sünde.
Die Franziskaner antworteten auf diesen Vorwurf anders. Es gehe nicht um einen Gewinn aus dem verliehenen Kapital, erklärten sie, sondern lediglich um die Erstattung der Kosten, die durch den Betrieb der Hilfseinrichtung anfallen.
Das sind zwei verschiedene Dinge: Es ist eine Sache, sich an der Not eines anderen zu bereichern, und eine andere, bei der Hilfe für einen Bedürftigen nicht selbst zugrunde geht.
Der Streit nahm zeitweise derartige Ausmaße an, dass bedürftige Menschen mit leeren Händen zu denselben Wucherern zurückgeschickt werden mussten, die Darlehen zu dreißig Prozent vergaben.
Ein halbes Jahrhundert lang konnten sich die beiden theologischen Schulen nicht einigen. Während die Gelehrten leidenschaftlich miteinander stritten, arbeiteten die Kassen jedoch weiter. Die Armen brachten den Mönchen weiterhin ihre letzten Pfannen und Umhänge als Pfand.
Die Entscheidung des Vatikans
Rom selbst setzte dem Streit ein Ende. Am 4. Mai 1515 erließ Papst Leo X. während der zehnten Sitzung des Fünften Laterankonzils die Bulle „Inter multiplices“. Darin wurde erklärt, dass die Hilfskassen, deren mäßige Zinsen ausschließlich der Bezahlung der Angestellten dienten, „keinerlei Art von Bösem enthalten, keinen Anlass zur Sünde geben und in keiner Weise zu verurteilen sind“. Mehr noch: Ein solches Darlehen sei „des Lobes und der Billigung würdig“ und habe mit Wucher so gut wie nichts gemein.
Diese Formulierung ließ keinen Raum mehr für weitere Auseinandersetzungen. Die Kirche erkannte offiziell an: Einem armen Menschen ohne persönliches Gewinnstreben mit Geld zu helfen, ist kein Verstoß gegen das Gebot, sondern dessen Erfüllung.
Wer gewann diesen Streit?
Die salomonische Entscheidung des Papstes könnte als Sieg einer theologischen Partei über die andere Partei betrachtet werden. Im Kern des Streits ging es jedoch nicht darum, welche Gruppe von Mönchen in einer scholastischen Debatte recht behalten würde. Es ging um das Schicksal jenes Handwerkers, der an einem Winterabend mit seinem letzten Obergewand unter dem Arm zwischen einem Darlehen bei einem habgierigen Wucherer und dem unausweichlichen Hunger wählen musste.
Die Gründer der Monti di Pietà erfanden keine neue Wirtschaftstheorie. Sie vollbrachten etwas weitaus Schwierigeres: Sie fanden einen Weg, den Menschen so zu helfen, dass die Hilfe weder zu einem Almosen wurde, das ihre Würde verletzte, noch zu einer neuen Form der Ausbeutung unter einem frommen Deckmantel.
Der Kreditnehmer bat nicht um Almosen. Er hinterlegte ein Pfand und erhielt das benötigte Geld zu fairen Bedingungen – mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese Bedingungen ihn nicht ruinierten.
Und vielleicht verbirgt sich gerade darin die christliche Antwort auf die ewige Frage nach dem Nutzen oder dem Schaden des Geldes. Es ist nicht notwendig, die Marktwirtschaft als solche abzulehnen. Selbst die Mönche verstanden sehr gut, dass den Kassenbediensteten ein Gehalt gezahlt und für die Räumlichkeiten Miete entrichtet werden mussten. Viel wichtiger ist, dass ein System nicht für den Profit arbeitet, sondern für den Menschen, für den es geschaffen wurde.