Die Eucharistie in den römischen Slums
Im Jahr 250 versetzte Rom dem Christentum mit totalitärer Bürokratie einen schweren Schlag. In beengten Hochhäusern baute die Kirche ein geheimes Überlebensnetzwerk auf.
Die Erzählung über die Antiken ist gewöhnlich reich an frommen Bildern dunkler Verliese, flackernden Fackeln und Christen, die sich vor dem Zorn der Cäsaren zwischen den Gräbern bergen. Dieses filmreife Bild wandert durch Monographien und Lehrbücher der Kirchengeschichte und erweckt den falschen Eindruck, als hätte die Kirche des dritten Jahrhunderts in einer Art Parallelwelt existiert.
Tatsächlich lagen die Katakomben, darunter die Grabkammern des heiligen Kallistus, weit außerhalb Roms. Das Gesetz verbot streng, Menschen innerhalb der Stadtgrenzen zu bestatten. Dort unter der Erde versammelten sich die Gemeinden nur selten zu Totengedenkgottesdiensten. Das eigentliche Leben aber spielte sich in völlig anderen, weitaus nüchterneren Kulissen ab. Die Christen der Epoche der großen Verfolgungen lebten, beteten und vollzogen die Sakramente in gewöhnlichen städtischen Insulae – antiken mehrstöckigen Wohnhäusern, die sich kaum von den Mietshäusern der vorrevolutionären Zeit oder den sowjetischen Kommunalwohnungen unterschieden.
Angst hinter der Lehmwand
Die römische Insula war ein ziemlich unheimliches Gebilde. Wohlhabende Bürger bewohnten geräumige Wohnungen in den unteren Stockwerken, wo es zumindest primitive Kanalisation und Wasserleitungen gab. Die oberen Stockwerke hingegen, die bis ins Dach reichten, wurden an die städtische Armut vermietet. Die Kammern dort waren winzig, mit einem billigen Holzgerüst anstelle von Wänden, hastig mit Stroh und dünnem Lehm beworfen. Der heidnische Nachbar auf der anderen Seite der Trennwand briet billigen Fisch, schimpfte über die steigenden Preise für Olivenöl und hörte hervorragend jeden Seufzer in der benachbarten Kammer, in der ein Christ lebte.
Unter solchen Bedingungen zehn oder fünfzehn Menschen zur Liturgie zu versammeln, war eine äußerst schwierige Aufgabe. Das leiseste Geräusch oder das Knarren einer ausgetrockneten Diele konnte mit einem Besuch des Präfekten enden.
Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass die Kirche im Untergrund nicht so sehr dadurch überlebte, dass sie aus dem Blickfeld der Behörden verschwand, sondern vielmehr dank einer ausgefeilten Disziplin.
Tertullian veröffentlicht in seinem „Apologeticum“ eine Ansprache der damaligen Christen an die römischen Bürger: „Wir leben zusammen mit euch, wir gebrauchen dieselbe Speise, tragen dieselbe Kleidung, haben dieselben Gewohnheiten... Wir sind keine Brahmanen und keine indischen Gymnosophisten, die in Wäldern hausen und aus dem Leben verbannt sind.“ Die Christen gingen in dieselben Bäder und kauften Grünzeug bei denselben Händlern wie die Heiden. Doch bei sich zu Hause, hinter der verschlossenen wackligen Tür, änderten sie die Spielregeln von Grund auf.
Das Untergrunddasein war stets mit Angst verbunden, wobei das Risiko des Verrats jedwede Romantik überwog. Um die eucharistischen Versammlungen abzusichern, mussten die Gemeinden ein System innerer Sicherheit entwickeln, in dem den Ostiariern – den Türhütern – eine Schlüsselrolle zukam. Ihnen war aufgetragen worden, eine strikte Gesichtskontrolle durchzuführen. Der Ostiarier war verpflichtet, jedes Gemeindemitglied von Angesicht zu kennen. Er stand auf dem Treppenabsatz des obersten Stockwerks der Insula und spürte römische Zuträger – Delatoren – auf, während in der stickigen Kammer die Gläubigen flüsternd das Brot brachen.
Der papierenen Götze des Kaisers Decius
Im Jahr 250 verschärfte sich die Lage. Kaiser Decius Traianus beschloss, die Vernichtung des Christentums mit rein römischer, bürokratischer Gründlichkeit anzugehen. Er erkannte, dass punktuelle Hinrichtungen einzelner Bischöfe nicht das gewünschte Ergebnis brachten, und so setzten die Behörden eine totale Loyalitätsprüfung in Gang.
Jeder Bürger musste bei Todesstrafe oder Vermögenseinziehung vor einer staatlichen Kommission erscheinen, ein rituelles Trankopfer vor den Götzenbildern darbringen, vom Opferfleisch kosten und ein amtliches Dokument entgegennehmen, das Libellus genannt wurde.
Ohne diesen Papyrusfetzen wurde ein Mensch automatisch zum Staatsverbrecher. Er verlor alle bürgerlichen Rechte. Er konnte nicht mehr legal ein handwerkliches Erzeugnis verkaufen, auf dem Markt Mehl kaufen oder vor Gericht einen Betrug anfechten.
Mit der Einführung einer solchen Reform entstand innerhalb der christlichen Gemeinden ein Riss, der die Kirche spaltete. Der Druck der bürokratischen Maschinerie erwies sich als derart unerträglich, dass Tausende von Menschen einknicken.
Mancher ging aus Angst, seine Kinder zu den heidnischen Altären zu bringen. Doch es gab eine andere, weitaus zahlreichere Kategorie von Gläubigen. Es waren Christen, die einen Kompromiss zu finden suchten: Sie gingen nicht hin, um vor einer Jupiterstatue Tierblut zu vergießen, sondern kauften für viel Geld von korrupten Beamten Bescheinigungen, wonach sie all das angeblich vollzogen hätten.
In der Realität jener Zeit war das ein schreckliches Drama. Das Oberhaupt einer großen Familie, deren Handwerk Dutzende von Verwandten ernährte, oder ein Kaufmann, dessen ganzes Leben auf dem Spiel stand, ließ sich in dieses Geschäft mit dem Gewissen ein, um dem Überleben ihrer Angehörigen willen. Nach dem Ende der Verfolgungen stritten die Gemeinden jahrelang darüber, ob man diese kleinmütigen Menschen wieder aufnehmen könne. Die inneren Spaltungen hätten damals beinahe die christliche Welt zugrunde gelegt.
Der Schmuggel der Heiligen Gaben
Jene aber, die sich rundheraus weigerten, den Libellus entgegenzunehmen, standen mit einem Schlag außerhalb des Gesetzes. Sie hatten kein legales Einkommen, ihr Haus konnte jeden Augenblick beschlagnahmt werden. Und hier trat ein vollständig dezentralisiertes Netz gegenseitiger Unterstützung der Christen in den Vordergrund. Die Versorgung der Gemeinden mit Brot und Wein für die Liturgien nahmen die Diakone auf sich. Unter Bedingungen, da bereits das Erscheinen eines Menschen ohne Bescheinigung auf dem Markt mit Verhaftung enden konnte, verwandelte sich die Lieferung der Lebensmittel in lebensgefährlichen Schmuggel.
Der äußere Prunk der Gottesdienste war als unnötig abgeschnitten. Anstelle kostbarer Kelche verwendete man schlichte rotlackierte Keramik – Geschirr, das die römische Armut auf den Märkten für wenige Pfennige kaufte. Bei einer plötzlichen Hausdurchsuchung erregte eine solche Tonschale auf dem Tisch keinerlei Verdacht bei den Wächtern. Die Heiligen Gaben wickelte man nach dem Gottesdienst in einfache Leinentücher und trug sie nach Hause fort. Die Christen kommunizierten für sich selbst, jeden Morgen, bevor sie zur Arbeit gingen. Keiner von ihnen wusste, ob sich die Gemeinde am nächsten Sonntag wegen Razzien noch einmal würde versammeln können.
Dieses Untergrundnetz setzte das vollständige Vertrauen der Menschen zueinander voraus.
Einst trug ein junger Akolyth – der Gehilfe eines Diakons mit Namen Tarcisius – an seiner Brust unter dem Mantel das Brot des Lebens für verurteilte Christen, die in den Kerkern schmachteten. Als ihn auf der Straße eine Schar heidnischer Halbwüchsiger umringte und verlangte, er solle zeigen, was er so krampfhaft ans Herz presse, weigerte sich der Knabe, das Geheimnis preiszugeben. Sie schlugen ihn mit Steinen zu Tode, direkt auf dem Pflaster, doch als die Soldaten den Leichnam durchsuchten, fanden sie in seinen Händen nichts als reines Leinentuch. Die Gaben waren auf wundersame Weise verschwunden und ihrer Zertretung zuvorgekommen.
Das Reich versuchte das Christentum zu vernichten, indem es die Hierarchie zerstörte, Bischöfe verhaftete und den Besitz wegnahm, doch es hatte die unsichtbaren geistlichen Bande der Gemeinden nicht einkalkuliert, die sich als fester erwiesen denn Eisen. Es erwies sich: Nimmt man der Kirche den legalen Status, so zieht sie sich dorthin zurück, wo Treue und Solidarität zum einzigen Kennzeichen der Wahrheit werden. Die römische Bürokratie stand am Ende machtlos da gegen die eucharistischen Gebete der Bekenner, die in einer engen hauptstädtischen Gemeinschaftswohnung erklangen.