Autonomie oder Ökonomie?
Zu den geplanten Bischofsweihen des Pariser Exarchats
Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Erzdiözese der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa unter Metropolit Johannes (Rennetau) von Dubna beabsichtigt, ohne Erlaubnis Moskaus weitere Weihbischöfe zu konsekrieren (die UOJ berichtete). Ein entsprechendes Schreiben des Metropoliten, datiert vom 2. Juni 2026, zirkuliert im Internet und wurde zuerst vom Nachrichtenportal OrthoChristian aufgegriffen.
Am Wochenende sollte die jährliche Generalversammlung der Diözese in Paris stattfinden, auf der über das Vorhaben abgestimmt werden sollte. Aufgrund der anhaltenden Hitzewelle wurde die Zusammenkunft jedoch abgesagt und auf die Zeit nach dem Sommer verlegt, wie das auf der Website der Diözese veröffentlichte Communiqué vom 22. Juni mitteilt.
2023 hatte die Diözesanverwaltung Patriarch Kirill von Moskau eine Liste mit drei Kandidaten unterbreitet, entsprechend dem in den Statuten der Gramota festgelegten Verfahren. Bestätigt wurde davon bislang lediglich die Wahl von Igumen Augustinus (Macbeth), der im Dezember 2025 zum Weihbischof für Großbritannien und Skandinavien geweiht wurde. Zu den anderen beiden Kandidaten, Archimandrit Viktor (Crețu) und Erzpriester Anatoly Negruta, schwieg Moskau trotz dreimaliger Nachfrage.
Metropolit Johannes (Renneteau) von Dubna (Foto: Danil Nabereschnij/Wikimedia Commons)
Dass der 83-jährige Metropolit Johannes nun auch ohne erklärtes Einverständnis Moskaus zur Weihe der Kandidaten fortschreiten will, begründet er mit seinen schwindenden Kräften und dem wachsenden pastoralen Bedarf seiner Diözese. Auch die Weihbischöfe Syméon von Domodedovo und Elisée von Reoutov seien durch gesundheitliche Beschwerden stark eingeschränkt.
Die jüngsten Ereignisse haben mittlerweile nicht nur gesamtkirchliche, sondern auch politische Tragweite bekommen. Im Mittelpunkt des Interesses stehen Spekulationen um etwaige Autonomiebestrebungen des Pariser Exarchats sowie um mögliche Ursachen für das Schweigen Moskaus. So schrieb der Auslandsnachrichtendienst der Ukraine am 25. Juni 2026 in seinem Facebook-Auftritt:
„Sollte die Diözesanversammlung die eigenständigen Bischofswahlen befürworten, könnte dies zu einem Modell für faktische Autonomie ohne formellen Bruch mit der Russisch-Orthodoxen Kirche werden und als Orientierung für andere europäische Gemeinden dienen, die seit langem unzufrieden damit sind, wie der Moskauer Bischofssitz die Kirchenverwaltung zu einem Instrument politischen Einflusses macht.“
Eine historische und kirchliche Einordnung der Ereignisse scheint deshalb angebracht, um solche und andere Spekulationen einordnen zu können und die Natur der Situation zu verstehen.
Geschichte des Erzbistums
Die Existenz des Erzbistums der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa (auch kurz oft als Pariser Exarchat bezeichnet) geht zurück auf die „Provisorische Administration der russischen Pfarreien in Westeuropa“, die 1921 vom heiligen Patriarchen Tichon von Moskau gegründet und Erzbischof Evlogij (Georgievskij) anvertraut wurde. Dies berichtet die Website des Erzbistums mit Verweis auf die entsprechenden Patriarchalen Dekrete.
Der heilige Metropolit Benjamin von Petrograd, der wie Patriarch Tichon unter dem gottfeindlichen Regime der Sowjets den Märtyrertod starb, verwaltete bis dahin die religiösen Institutionen der russischen orthodoxen Kirche in Westeuropa. Erzbischof Evlogij wurde darauf mit der Führung des neu konstituierten Bistums mit Sitz in Paris betraut.
Metropolit Evlogij (Foto: Pierre Choumoff/Wikimedia Commons)
Die sich verschärfende Verfolgung der russischen Mutterkirche unter dem kommunistischen Joch machte jedoch eine reguläre Verbindung zum Moskauer Patriarchat letztlich unmöglich. Metropolit Evlogij erwirkte deshalb beim Ökumenischen Patriarchen Photios II. die Aufnahme seines Bistums unter das Omophor Konstantinopels. Dieser provisorische Status wurde 1971 unter Patriarch Athenagoras mit dem Zugeständnis der internen Autonomie gefestigt, im Jahr 1999 schließlich auch der „temporäre“ Charakter aufgehoben.
Nach weiteren 19 Jahren gab Patriarch Bartholomäus 2018 die Auflösung des Erzbistums bekannt mit der Anweisung, die Gemeinden sollten sich in der regulären Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats integrieren. Die Diözesanversammlung unter Vorsitz von Metropolit Johannes von Dubna beschloss daraufhin die Rückkehr unter das Omophor der Moskauer Mutterkirche, die 2019 mit der feierlichen Übergabe der Gramota realisiert wurde.
In dieser Gramota sind auch die Modalitäten für die Ernennung von Bischöfen niedergelegt, die eine Übermittlung einer Liste der Kandidaten zur Prüfung durch Moskau vorsieht. Im Juni 2020 wurden der Diözese die Weihen zweier Weihbischöfe gestattet.
Der Fall der lettischen Kirche
Zur Begründung des Fortschreitens zur Weihe der nun aufgestellten Kandidaten verwies Metropolit Johannes auch auf die lettische orthodoxe Kirche, die 2023 einen Bischof ohne vorherige Zustimmung des Moskauer Patriarchen gewählt hatte und dennoch die kanonische Gemeinschaft mit Moskau beibehielt. Damals berichtete das Online-Portal OrthoChristian über die Ereignisse.
Hintergrund war ein Beschluss des lettischen Parlaments im September 2022, der die legale Unabhängigkeit der lettischen Kirche von Moskau forderte. Die lettische Kirche kam diesem Beschluss nach, änderte noch im selben Jahr ihre Statuen und richtete zugleich einen Appell an Patriarch Kirill, eine kanonische Entscheidung über den Status der lettischen Kirche zu treffen.
Trotz fehlendem Segen Moskaus wurde im August 2023 Archimandrit Johannes (Lipšāns) in Riga zum Bischof geweiht. Metropolit Alexander von Riga und ganz Lettland unterließ einstweilen die Kommemorierung des Patriarchen Kirill in der Liturgie.
Noch im selben Monat verurteilte die Synode des Moskauer Patriarchats das Vorgehen des lettischen Metropoliten und vertagte den Beschluss über die Statuten und die Anerkennung der Bischofsweihen auf das nächste größere Konzil des russischen Episkopats.
Im Oktober 2023 besuchte eine Delegation der Lettischen Orthodoxen Kirche Moskau und traf sich mit verschiedenen Hierarchen und Vertretern des Patriarchats, wobei die lettischen Erzpriester mit dem Segen des Patriarchen auch Myron für den Vollzug des Mysteriums der Chrismation erhielten.
Wie OrthoChristian schrieb, bedeutet der Empfang des Chrismas nach russischem Verständnis die kanonische Abhängigkeit von einer Mutterkirche. So beschloss die Ukrainische Orthodoxe Kirche unter Metropolit Onuphrij von Kiew im Jahr 2022 nach Beginn des Krieges die Weihung eigenen Chrisams als Zeichen der kanonischen Unabhängigkeit.
Schlussfolgerungen
Sowohl das Handeln des Pariser Exarchats als auch das Schweigen Moskaus müssen vor diesem zweifachen historischen und kirchlichen Hintergrund verstanden werden. Was manchen wie ein – möglicherweise gar politisch motivierter – Schritt des Metropoliten Johannes in Richtung Autonomie erscheinen mag, erinnert zunächst an die Umstände der Gründung seiner eigenen Diözese: Die politische Lage erschwerte in den 1920er Jahren zunehmend eine geordnete Beziehung zur Mutterkirche, ähnlich wie im Fall der zur selben Zeit ebenfalls auf ein Dekret Patriarch Tichons errichteten Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA). Vergleichbare Umstände wiederholen sich heute mit dem Krieg in der Ukraine, wenngleich unter anderen Vorzeichen.
Was wie ein einseitiger Akt aussieht, lässt sich kirchlich indes auch anders lesen. Die Orthodoxie kennt neben der akribeia, der strengen Anwendung der Kanones, die oikonomia: das pastorale Nachgeben um des Heiles der Gläubigen willen. Genau in diesem Register begründet Metropolit Johannes sein Vorhaben – mit schwindenden Kräften und wachsendem pastoralem Bedarf, nicht mit dem Anspruch auf Unabhängigkeit. Streng genommen aber übt die Ökonomie nicht aus, wer von der Strenge abweicht, sondern die Autorität, die sie nicht einfordert. Und so könnte die eigentliche Ökonomie weniger im Handeln des Metropoliten liegen als im Schweigen Moskaus, das die akribeia dort nicht durchsetzt, wo es sie durchsetzen könnte.
Denn die Kirche ist mehr als ein juristischer Apparat. Sie ist der mystische Leib Christi und damit ein lebendiger Organismus, dessen einheitliche Verwaltung sich historisch immer wieder schwierigen Situationen beugen muss, ohne dass dadurch schon die mystische Einheit des Leibes gefährdet würde.
Auch der Fall der lettischen Kirche zeigt, dass politisch bedingte administrative Kompromisse zu Spannungen führen können, der hierarchische Zusammenhang und der Vollzug der Mysterien aber unbeeindruckt davon bestehen bleiben. Dass die Analogie nicht vollständig trägt, ist dabei selbst aufschlussreich: In Riga erzwang die staatliche Politik den Schritt, in Paris beruft sich der Metropolit gerade nicht auf politische, sondern auf pastorale Notwendigkeit. Eben diese Differenz spricht gegen die Lesart einer politisch motivierten Autonomie.
Die sommerliche Hitzewelle in Paris, die zur Vertagung der Diözesanversammlung führte, schafft nun einen Aufschub für die notwendigen Entscheidungen in Paris und Moskaus. Ob dieser Aufschub zu einem Kompromiss führt, wird sich zeigen.