Wie der Segen der Heiligen nach Deutschland kam

08:09
34
Wie der Segen der Heiligen nach Deutschland kam

Über die Gründung der Klöster in Geilnau und Unterufhausen

Als der Prophet Elia nach Vollendung seines Wirkens in Israel zu Gott entrückt werden soll, nimmt er seinen Schüler Elisäus und die übrigen 50 Prophetenjünger mit sich und begibt sich an den Jordanfluss. Dort rollt er seinen Mantel zusammen und schlägt mit ihm die Wasser des Stroms, der sich daraufhin vor ihm teilt. Nachdem sie trockenen Fußes das Flussbett durchschritten haben, gewährt Elia dem Elisäus einen letzten Wunsch:

Bitte, was ich dir tun soll, bevor ich aufgenommen werde von dir weg! Und Elisäus sagte: Es komme ein doppelter Anteil deines Geistes auf mich. (4./2. Könige 2,9)

Mit diesen Worten bittet Elisäus darum, als legitimer Erbe und Nachfolger seines Lehrers die Kraft des auf ihm ruhenden Heiligen Geistes zu empfangen. Der „doppelte Anteil“ ist ein Terminus aus dem mosaischen Erbrecht, wonach dem erstgeborenen Sohn als Stammhalter ein zweifacher Anteil am väterlichen Erbe zusteht (Dtn 21,17).

Bekanntermaßen wird Elia daraufhin in einem feurigen Wagen zu Gott emporgenommen und lässt seinen Mantel, bei dem es sich nach der griechischen Septuaginta um ein Schafsfell bzw. Gewand aus Schafswolle (μηλωτή) handelt, herabfallen auf Elisäus. Der Mantel ist zugleich Zeichen und Träger der göttlichen Kraft, mit dem Elisäus daraufhin ebenfalls die Wasser teilt – unter Anrufung des „Gottes des Elia“.

Die Episode ist ein biblisches Urbild des Verhältnisses zwischen Lehrer bzw. geistlichem Vater und Schüler wie es insbesondere im orthodoxen Mönchtum verstanden wird. Durch sein zurückgezogenes und von familiären Bindungen gelöstes asketisches Leben ist Elias ein alttestamentlicher Vorläufer der späteren Eremiten, während die Schar der Prophetenjünger um seinen Schüler Elisäus das gemeinschaftliche Mönchtum (sogenanntes Koinobitentum) vorwegnehmen.

So besteht auch die Fortpflanzung und Weiterführung des mönchischen Lebens in der Kirche stets in einer Weitergabe der Gnade und des Segens vom geistlichen Vater an seinen geistlichen Sohn. Schon vom hl. Antonios dem Großen, der als Vater des Mönchtums gilt, ist überliefert, dass er bei seinem Entschlafen zwei ‚Schafswollgewänder‘ (μηλωταί) hinterließ: eines dem hl. Athanasios und eines dem hl. Serapion von Thmuis, sowie seine übrige Kleidung bei den ihn begrabenden Mönchen.

Diese Logik der geistlichen Sukzession ist nicht auf biblische oder frühkirchliche Zeit beschränkt geblieben. Sie lässt sich bis in unsere Zeit und ins heutige Deutschland verfolgen: bis hin zu zwei Männern, die in den 1970er und 80er Jahren auszogen, um das Mönchtum aus dem orthodoxen Osten in die deutsche Erde zu verpflanzen – gesegnet und angeleitet von drei heiligen Vätern in Serbien und Griechenland.

Von Westen nach Osten – und wieder zurück

Als Hans-Peter Grolimund von der Kantonsschule Obwalden in der Schweiz, die damals von einer benediktinischen Klostergemeinschaft betreut wurde, zur Studienfahrt nach Griechenland aufbrach, war in ihm bereits die Faszination für die Orthodoxie entfacht. Diese Faszination, die er in Vorbereitung eines Referats entwickelte, fand in Begegnung mit dem lebendigen kirchlichen Leben in Athen ihre Bestätigung. Schon als Katholik vom Wunsch nach dem Mönchtum beseelt, beschloss er 1968 zum Theologiestudium nach Athen zu gehen und konvertierte dort nach Verlauf eines Jahres zum orthodoxen Glauben.

Mönch und Missionar: die Weihe durch den hl. Justin von Ćelije

Nach begonnenem Noviziat in einem Kloster und der Fortsetzung der theologischen Studien in Paris, unter anderem bei dem berühmten Ikonentheologen Leonid Ouspenskij, erfuhr der junge Mann von einem geisttragenden mönchischen Vater seiner Zeit, dessen engste Schüler damals ebenfalls in Paris studierten: dem Archimandriten und Abt Justin (Popovič) von Ćelije, der 2010 von der serbischen orthodoxen Kirche heiliggesprochen wurde.

Schon damals ein Polyglott, ermöglichte dem jungen Hans-Peter die Kenntnis der serbischen Sprache wiederholt nach Ćelije zu gehen, um dort die Sommerferien zu verbringen. Schließlich siedelte er ins Kloster über und wurde dort im Jahr 1971 vom heiligen Justin zum Mönch mit dem Namen Basilius geweiht.

Diese Mönchsweihe war von vornherein von einer missionarischen Intention getragen: Nach dem Befinden des heiligen Justin sollte der junge Rjassophor auf den Athos gehen, um dort das monastische Leben einzuüben und schließlich zurück in den Westen zugehen – nach Deutschland, wie sich später herauskristallisieren würde.

Wie der Segen der Heiligen nach Deutschland kam фото 1

Ikone des heiligen Justin (Popovič) von Ćelije (Foto: Orthpedia)

„Deutschland wird orthodox werden“: der Segen des hl. Paisios

So trat Vater Basilius 1975 in das Athos-Kloster Stavronikita ein, dessen Abt Vasileios (Gontikakis) eng mit dem hl. Paisios befreundet war. Dieser lebte zu der Zeit als Einsiedler in der Nähe des Klosters. Der Abt begrüßte die Absicht des jungen Mönchs, mit dem Segen seines geistlichen Vaters, des hl. Justin, in Deutschland ein Kloster zu gründen. Während des Aufenthalts auf dem Athos empfing Vater Basilius Instruktionen und Rat vom hl. Paisios über die künftige Gründung und Einrichtung des Klosters. Wiederholt betonte der heilige Paisios die Notwendigkeit dieses Vorhabens. Im Zusammenhang mit der Klostergründung fielen auch die überlieferten Worte des Heiligen: „Deutschland wird orthodox werden“. Mit dem ihm eigenen Humor bemerkte der heilige Paisios, die Bekehrung der Deutschen würde zwar langwierig werden, doch wenn sie einmal bekehrt seien, würden sie „Autobahnen in den Himmel bauen“.

Wie der Segen der Heiligen nach Deutschland kam фото 2

Ikone des heiligen Paisios vom Athos (Foto: Wikimedia Commons)

Begegnung mit Altvater Aimilianos von Simonopetra

Insgesamt zehn Jahre sollte Vater Basilius in Stavronikita verbringen, wobei das Vorhaben der Rückkehr in den Westen aufgrund von Entscheidungen des Klosterkonzils immer wieder aufgeschoben wurde, das beschloss, die geplante Gründung sollte von einem weiteren Mönch begleitet sein. Aufgrund dieser Konstellation siedelte Vater Basilius schließlich ins Kloster Simonos Petras über.

Dieser Aufenthalt in Simonos Petras erwies sich als wichtige Zwischenstation, die die Begegnung mit einem anderen heiligmäßigen Altvater ermöglichte: dem Abt Aimilianos, der erst 1973 dieses altehrwürdige Kloster wiederbelebt hatte.

Im Jahr 1977 hatte Abt Aimilianos in Simonos Petras eine Gemeinschaft französischer Trappistenmönche in die orthodoxe Kirche aufgenommen, die unter der Leitung von Père Placide Deseille stand. Dieser gründete mit dem Segen des Altvaters drei Konvente in Frankreich: Das Kloster des hl. Antonius des Großen in Saint-Laurent-en-Royans in den französischen Alpen, das Nonnenkloster der Verklärung bei Terrasson-Lavilledieu und das Nonnenkloster des Schutzes der Gottesmutter bei La Bastide-d'Engras, beide in Südfrankreich.

Altvater Aimilianos schickte nun Vater Basilius für regelmäßige Besuche nach Frankreich, wo er für fünf Jahre als Seelsorger eine Außenstelle der Gründung Père Placides in Montgeron betreute und Spenden für sein eigenes künftiges Kloster sammelte.

Wie der Segen der Heiligen nach Deutschland kam фото 3

Archimandrit Aimilianos (Vafidis) von Simonopetra (Foto: Agioreitike Phototheke/doxologia.ro)

Zurück nach Deutschland

Es war hier, in Montgeron, wo Vater Basilius den zuvor vermissten zweiten Mitstreiter für die Gründung einer monastischen Gemeinschaft in Deutschland fand: Andreas Rauer, der später als Mönch den Namen Paisios mit dem Großen Mönchsgewand von Vater Basilius den Namen Justin erhielt. Nach einem Studienaufenthalt in den USA, wo er zur Orthodoxie konvertiert war und die Absicht hegte, Mönch zu werden, kam Andreas Rauer, begleitet von Martin Petzold, nach Montgeron.

Zu dritt machten sich die Männer daran, einen geeigneten Ort für die geplante mönchische Gemeinschaft zu finden. In Geilnau an der Lahn wurde ein ehemaliges Wirtshaus ausfindig gemacht, das sowohl für ihre begrenzten Mittel erschwinglich als auch in brauchbarem Zustand war.

Gemeinsam mit seinem Novizen und Mitgründer Andreas fuhr Vater Basilius nach Athen, wo die beiden auf den heiligen Paisios trafen. Von ihm empfing Andreas Rauer den Segen, Mönch zu werden. Zudem sagte der heilige Altvater voraus, dass Martin Petzold, der sich zu einer Promotion entschlossen hatte, sich der künftigen Gemeinschaft nicht anschließen werde. Tatsächlich heiratete er kurze Zeit später und wurde Priester der griechischen Metropolie in Deutschland.

Gründung der Skite des hl. Spyridon

Unter der Ägide des Metropoliten Amphilohije (Radović) von Montenegro – einem Schüler des hl. Justin von Ćelije, der mit Vater Basilius in Paris studiert hatte –, wurde schließlich die monastische Gemeinschaft in Geilnau als Skite gegründet. Zunächst war sie der Verwaltung des damaligen Bischofssitzes der serbischen orthodoxen Kirche in Himmelsthür bei Hildesheim, mittlerweile untersteht sie als Stavropegial-Kloster unmittelbar dem serbischen Patriarchen.

Wie der Segen der Heiligen nach Deutschland kam фото 4

Die Kirche der Entschlafung der Gottesmutter in Himmelsthür bei Hildesheim (Foto: Wikimedia Commons)

Die ersten 8 Jahre bewohnten die Väter Basilius und Justin die Skite allein, erfuhren gelegentlich handwerkliche Aushilfe von Martin Petzold. Erst nach drei Jahren jedoch konnte eine Heizung installiert werden, bis dahin waren die harten Winter eine besondere Herausforderung, sodass die Göttliche Liturgie in Handschuhen und mehreren Lagen Kleidung gefeiert werden musste. Es stellten sich nur wenige Besucher und Spender ein, sodass die Väter längere Zeit am Existenzminimum lebten.

Nach sieben Jahren Noviziat erhielt Andreas Rauer 1996 die Weihe ins Kleine Schema mit dem Namen Païsius. Die Diakons- und Priesterweihe folgten 2004, im Jahr 2010 die Verleihung de Großen Schemas mit dem Namen Justin. Ab 2015 schlossen sich auch Frauen der Gemeinschaft an, sodass aus der Skite ein Doppelkloster mit getrennten Räumlichkeiten wurde. Heute zählt die Gemeinschaft vier Männer und fünf Frauen, der weibliche Teil wird von Äbtissin Adela (Djordic) geleitet. Die Liturgie wird in deutscher, kirchenslawischer und serbischer Sprache gefeiert.

Wie der Segen der Heiligen nach Deutschland kam фото 5

Die Skte des hl. Spyridon in Geilnau (Foto: UOJ)

Gründung der Einsiedelei in Unterufhausen

Langfristig wuchs der Anstrom der nach Geilnau kommenden Pilger jedoch so stark an, dass nach 14 Jahren die Suche nach größeren Räumlichkeiten erforderlich wurde. Fündig wurden die Väter im ca. 200km entfernten Unterufhausen, in der Gemeinde Eiterfeld bei Fulda. Als Ort der Grablege des heiligen Bonifatius, der als Erneuerer des Glaubens der Germanen gilt, besitzt Fulda zudem einen symbolischen Stellenwert. Der ehemalige Gutshof in Unterufhausen wurde im Jahr 2010 erworben und zur Beherbergung einer Gemeinschaft sowie für Pilger hergerichtet.

Auch vor dieser Zweitgründung wurde der Segen des Heiligen Berges eingeholt, so beriet sich Vater Justin mit den Äbten der Klöster Grigouriou und Simonos Petra, dem Nachfolger des oben erwähnten ehrwürdigen Aimilianos. Da anfangs nur von Vater Justin allein bewohnt, erhielt die Gründung die Bezeichnung einer Einsiedelei. Sie wurde mit einem doppelten Patrozinium errichtet: dem heiligen Justin (Popovič) von Ćelije und der Verkündigung der Gotesgebärerin, weil der heilige Justin an ebendiesem Fest 1894 geboren wurde und 1979 entschlief.

Später schloss sich Vater Justin der erste Novizen an, nach 2015 kamen wie in Geilnau auch Frauen hinzu und führten zur Einrichtung eines Doppelklosters, das mittlerweile 2 Männer und 4 Frauen zählt. Der Gemeinschaft der Monialinnen steht Mutter Andrea (Vlachou) vor.

Wie der Segen der Heiligen nach Deutschland kam фото 6

Abt Basilius (Grolimund) und Priestermönch Païsius (Rauer) im Jahr 2004 (Foto: Orthpedia)

Der Bau einer Kirche

Von Beginn an war dabei die künftige Übersiedelung der ganzen Gemeinschaft nach Unterufhausen geplant. Zu diesem Zweck wurde der Bau einer Kirche in Angriff genommen, für den der serbische Patriarch Ireneij im Dezember 2013 ein Grundstück neben dem Klosterhof segnete. Als Modell der Kirche, die als Massivholzbau von einem regionalen Architekturbüro errichtet werden sollte, diente die Klosterkirche von Gradac in Serbien aus dem 13. Jahrhundert.

Ein bemerkenswertes Ereignis ist die Entdeckung einer Quelle, die bei der Errichtung der Fundamente für die Kirche gemacht wurde. Aus ihr wird Wasser für die Trapeza des Klosters geschöpft und auch Pilger nehmen das Wasser bisweilen mit nach Hause.

Die Ausstattung und Ausmalung der Kirche dauert bis heute an, die Gemeinschaft feiert jedoch regelmäßig Liturgie in deutscher Sprache.

Video über den Kirchbau (YouTube/Norman Heimbrodt)

Missionarische Aktivität

Viele Menschen kommen mittlerweile nach Geilnau und Unterufhausen auf der Suche nach Stille, ungestörtem Gebet und geistlichem Rat. Vor allem Vater Basilius wird seit Längerem von vielen Menschen als Altvater verehrt und aufgesucht, ist jedoch aufgrund von Krankheit und Altersschwäche an einen Rollstuhl angewiesen und nimmt großteils passiv am klösterlichen Leben teil. Die Skite in Geilnau wird daher faktisch vom 2009 geweihten Priestermönch Nil (Lazarenco) geleitet.

Auch das Kloster Unterufhausen erhält regen Zulauf von Pilgern und dient wiederholt als Veranstaltungsort von Konferenzen wie der jährlichen Tagung der DOM-Gesellschaft (Deutschsprachige Orthodoxie in Mitteleuropa e.V.) und der „St. Justin theologischen Konferenz“, die erstmals 2023 stattfand, im Jahr 2026 jedoch in Geilnau tagte.

Zudem entfaltet das Kloster eine schriftliche Missionstätigkeit in Form der Übersetzung der Evangelien und des Neuen Testaments unter Federführung von Vater Justin. Eine Ausgabe des Neuen Testaments samt dem Psalter und den biblischen Oden erschien erst jüngst in diesem Jahr, wie die Union Orthodoxer Journalisten berichtete. Mit diesem geistlichen und theologischen Werk der Verkündigung erfüllt die Doppelgemeinschaft den Auftrag, das Licht der Orthodoxie wieder in den Westen zu tragen, den ihre Gründer von drei heiligen Vätern unserer Zeit erhalten hatten: den heiligen Justin von Celije, dem heiligen Paisios vom Athos und dem ehrwürdigen Aimilianos von Simonos Petra, dessen Heiligsprechung bereits von vielen Gläubigen erwartet wird.

Wenn Sie einen Fehler entdeckt haben, wählen Sie den Text aus und drücken Sie Strg + Eingabetaste oder Fehler ausbessern, um ihn der Redaktion zu melden
Wenn Sie einen Fehler im Text finden, markieren Sie ihn mit der Maus und drücken Sie Strg+Enter oder diese Schaltfläche Wenn Sie einen Fehler im Text finden, markieren Sie ihn mit der Maus und klicken Sie auf diese Schaltfläche Der ausgewählte Text ist zu lang!
Weiterlesen