Wasser für das Herz: Warum Exupery über die Taufe schrieb, ohne es zu wissen
Wir alle schleppen uns durch eine Wüste der Erschöpfung. Lesen wir den „kleinen Prinzen“ vor dem Dreikönigstag erneut, um zu verstehen, warum wir das lebendige Wasser so dringend brauchen.
Der Januar ist schon halb vorbei. Der Weihnachtsschmuck ist verschwunden, die Weihnachtsbäume wurden abgebaut oder warten auf den Balkonen auf ihr Schicksal, und ein langer, grauer Winter liegt vor uns. Und natürlich die Nachrichten. Die Art von Nachrichten, bei denen man am liebsten die Augen schließen möchte.
An solchen Tagen spüren wir alle dasselbe: Durst. Nicht den Durst, den man mit Tee in der Küche stillen kann. Sondern einen anderen. Einen tieferen. Einen Kloß im Hals, weil wir nicht sprechen können. Einen trockenen Durst im Herzen, müde von Angst und Warten.
Wir sind wie der Pilot aus dem Märchen, das eigentlich gar kein Märchen ist. Unser Flugzeug ist irgendwo im Sand der Geschichte abgestürzt. Die Mechanismen des Alltags sind kaputt. Im Kännchen ist nur noch Wasser für eine Stunde. Und weit und breit keine Menschenseele. Nur endlose Dünen an Problemen.
In diesem Moment, ein paar Tage vor Dreikönig, müssen wir ein kleines Buch mit naiven Bildern aufschlagen. Nicht berühren. Sondern die ehrlichste theologische Abhandlung über den Durst lesen.
Gebrochene Mechanismen
Antoine de Saint-Exupéry wusste, wovon er schrieb. 1935 stürzte er tatsächlich in der ägyptischen Wüste ab. Er war dabei, an Dehydrierung zu sterben. Er sah Fata Morganen. Er wusste, wie eine raue Zunge am Himmel klebt und wie die Sonne sich in einen Hammer verwandelt, der auf den Kopf einschlägt.
Deshalb ist „Der kleine Prinz“ eine Chronik des Überlebens.
Ein Pilot repariert einen Motor. Er ist wütend. Eine Mutter will nicht ab, und dann löchert ihn ein Kind mit Fragen über einen Widder und Nägel. Der Pilot ist unsere Vernunft. Er ist pragmatisch. Er sagt: „Ich bin mit wichtigen Dingen beschäftigt! Uns droht eine Katastrophe!“
Und der kleine Prinz ist die Seele. Und sie sagt leise, aber eindringlich: „Auch das Herz braucht Wasser.“
Erinnern Sie sich an diese Szene. Es ist Nacht. Sie suchen einen Brunnen. Aus der Sicht des Piloten (der Vernunft) ist es Wahnsinn. In der endlosen Sahara ziellos und im Dunkeln nach einem Brunnen zu suchen? Es ist „gegen die Regeln“. Es widerspricht der Logik. Aber sie gehen.
Sie wandern unter dem Sternenhimmel, und der Sand knirscht unter ihren Füßen. Das ist das Bild unseres Glaubens.
Glaube bedeutet nicht, GPS-Koordinaten zu kennen. Glaube bedeutet, wenn man, müde und verzweifelt, einfach zustimmt, seiner Seele zu folgen, selbst wenn der gesunde Menschenverstand schreit, dass es sinnlos ist.
Das Knarren einer alten Wetterfahne.
Und sie finden ihn. Keine Oase mit Palmen. Keine Fata Morgana. „Dieser Brunnen war ganz anders als die Brunnen der Sahara … Er ähnelte einem Dorfbrunnen.“
Seltsam, nicht wahr? Woher kam dieser gemütliche, behagliche Brunnen mitten in der Wüste, wo es kein einziges Dorf gibt?
Exupéry beschreibt das Geräusch: „Die Brunnenwinde ächzte wie ein alter Wetterhahn, wenn der Wind lange geschlafen hat.“
Hörst du es? Ein rostiges, schweres, langgezogenes Knarren. Dieser Brunnen lag brach. Niemand hatte lange Zeit Wasser daraus geschöpft. Doch mit ein wenig Mühe erwachte er.
Dieses Geräusch birgt die Essenz des geistlichen Lebens. Es entsteht nicht durch eine Handbewegung. Wir müssen das schwere Rad drehen. Wir müssen das erwecken, was in uns jahrelang aus Eitelkeit geschlummert hat. Wir brauchen die Kraft von Händen, die einen schweren Eimer aus der schwarzen Tiefe ans Licht heben.
Der Lotse hebt den Eimer. Wasser spritzt über den Rand. Er führt ihn zu den Lippen des Kleinen Prinzen.
Und hier schreibt Saint-Exupéry Worte, die wie eine Paroemia in einem Gottesdienst klingen:
„Dieses Wasser war nicht einfach nur Wasser. Es entstand aus einer langen Reise unter den Sternen, aus dem Knarren des Tores, aus der Mühe meiner Hände. Es war wie ein Geschenk fürs Herz.“
Ein anderes Wasser
Bald gehen wir wieder in die Kirche. Wir stehen Schlange, mit Dosen, Flaschen und Butterfässern.
Warum? Hat man uns zu Hause das Wasser abgestellt? Kommt denn kein Wasser aus dem Hahn? Doch, tut es. Wir können es trinken. Wir können Suppe daraus kochen.
Aber wir wollen ein anderes Wasser. Wir brauchen Wasser, das „aus einer langen Reise unter den Sternen“ entstanden ist. Wasser, für das wir einen langen Gottesdienst ertragen haben (oder zumindest in der eisigen Kälte zur Kirche gelaufen sind). Wasser, das, wie Saint-Exupéry schreibt, „dem Herzen guttut“.
Das Weihwasser am Dreikönigstag ist keine magische Flüssigkeit. Es ist eine greifbare Bedeutung.
Es ist eine Erinnerung daran, dass die Welt nicht leer ist. Dass Materie Gott in sich bergen kann. Dass selbst einfaches Wasser heilig werden kann, wenn der Himmel in es einzieht.
Ein Trinker trinkt, um zu vergessen. Ein Christ trinkt Agiasma, um sich zu erinnern. Um sich daran zu erinnern, wer er ist. Um sich daran zu erinnern, dass er nicht nur eine Ansammlung biologischer Funktionen ist, die Flüssigkeit braucht. Um sich daran zu erinnern, dass er ein Wanderer in der Wüste ist, der einen Vater hat.
Das Geheimnis der Schönheit
„Weißt du, was so schön an der Wüste ist?“, fragte der kleine Prinz. „Irgendwo darin sind Quellen verborgen.“
Schauen wir uns um, betrachten wir unser Leben. Ähnelt es einer Wüste? Vielleicht. Es gibt viel Sand, viel Wind, viele Gefahren und wenige sichtbare Orientierungspunkte. Wir reparieren unseren kaputten „Motor“ – unsere Wirtschaft, unsere Psyche, unsere Beziehungen – und sehen oft kein Ende dieser Reparatur.
Doch Saint-Exupéry schenkt uns eine neue Perspektive. Die Wüste ist nur deshalb schön, weil sie einen verborgenen Brunnen birgt.
Wenn wir Gott ausblenden, wird unsere Realität zur Hölle. Eine sinnlose Anhäufung von Leid und Angst.
Doch wenn wir wissen, dass es hier, tief in uns, unter dem Sand und den Nachrichten, eine Quelle gibt, ändert sich alles.
Der Sand beginnt im Mondlicht zu glänzen. Das Knarren des Tores wird zur Musik. Das Gewicht des Eimers in unseren Händen wird zur Freude.
Das Wichtigste ist für die Augen unsichtbar. Die Augen sehen nur Krater, Ruinen und müde Gesichter. Doch das Herz weiß: Der Brunnen existiert.
Trinkt, um zu leben.
Oft fühlen wir uns wie dieser Pilot. Unsere Hände sind fettig, die Mutter rührt sich nicht, es gibt kein Wasser, fast keine Hoffnung.
Doch da ist immer diese leise Stimme in der Nähe: „Los geht’s. Auch das Herz braucht Wasser.“
Epiphanias ist das Fest der Entdeckung des Brunnens. Gott steigt in die Wasser des Jordans (und in die Wasser des Dnepr und in jeden Tropfen Wasser auf der Erde), um uns zu sagen: Ich bin hier. Ich bin nicht in einem fernen Himmel. Ich bin in deinem Leben gegenwärtig. Ich bin bereit, dir Wasser zu geben, wenn du bereit bist, dich anzustrengen und diese rostige Kurbel des Gebets zu drehen.